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GesteinsPerspektiven 02/20

52 GEWINNUNG Fünf Jahre

52 GEWINNUNG Fünf Jahre Track and Trace: Hoher Aufwand – fragwürdiger Erfolg Als Reaktion auf verschiedene Terroranschläge in Europa beschloss die Europäische Union eine Reihe von Maßnahmen zur europaweiten Terrorismusabwehr. Dazu gehörten unter anderem die EU-Richtlinie 2008/43/EG (Kennzeichnung und Rückverfolgung von Explosivstoffen für zivile Zwecke) und 2012/4/EU (EU-Kennzeichnungsrichtlinie). Die Entwicklung der Kennzeichnungsrichtlinie (Track and Traceability Directive) bei der Europäischen Kommission geht auf die Terroranschläge in Madrid am 11. März 2004 zurück: Bei einer Serie von zehn durch islamistische Terroristen ausgelösten Bombenexplosionen kamen 191 Menschen ums Leben, 2051 wurden verletzt, 82 davon schwer. Damit stellt dieses Ereignis nach dem Anschlag auf die PanAm-Maschine über dem schottischen Lockerbie (1988) in der Geschichte der Europäischen Union (EU) den terroristischen Anschlag mit den meisten Todesopfern dar. Ein wesentliches Ziel der EU-Richtlinien war es, die Identifizierung und Rückverfolgung aller Explosivstoffe vom Herstellungsort oder dem ersten Inverkehrbringen bis zur Verwendung durch den Endnutzer innerhalb der EU sicherzustellen. Zusätzlich sollten Wege zur Unterstützung der Vollzugsbehörden bei der Rückverfolgung von verloren gegangenen oder gestohlenen Explosivstoffen geschaffen werden inklusive der Verhinderung eines Missbrauchs. Es ergaben sich wesentliche Herausforderungen für Hersteller, Händler, Speditionen und Endanwender, wie die lückenlose und zeitnahe Erfassung aller geforderten Informationen, um die Rückverfolgbarkeit jedes Einzelstücks, das Sprengstoff enthält, sicherzustellen. Zudem müssen alle relevanten Informationen der zuständigen Behörde rund um die Uhr (24 h/7 d) zur Verfügung stehen. Weiterhin ist eine Archivierung aller relevanten Daten für einen Mindestzeitraum von zehn Jahren unabdingbar. Schließlich müssen alle für den Warenempfänger relevanten Daten durch den Lieferanten in geeigneter Form über die gesamte Lieferkette hinweg bereitgestellt werden. Aufgrund der großen Datenmenge war für die Kennzeichnung der einzelnen Artikel nur ein Datamatrixcode geeignet, der redundante Informationen enthält und auch bei teilweiser Zerstörung des Codes noch lesbar bleibt. In den Richtlinien sind Fristen genannt: So gilt die Verpflichtung der Hersteller und der Importeure zur eindeutigen Kennzeichnung von Explosivstoffen und kleinsten Verpackungseinheiten seit dem 5. April 2013. Die Verpflichtung zur Datenerfassung und Aufzeichnung aller Explosivstoffe durch alle betroffenen Unternehmen gilt aber erst seit dem 5. April 2015, demnach jetzt seit rund fünf Jahren. Erfahrungen in der Praxis bestätigen Skeptiker Mit Verabschiedung der Richtlinien wurden auch auf Druck der Branche Kostenannahmen für die europäische Industrie ausgearbeitet, um hier im Vorfeld bereits eine breitere Akzeptanz zu gewährleisten. Diese waren nicht unumstritten und aus heutiger Sicht hatten die Kritiker recht: Die Kostenannahmen erscheinen heute wie ein Schlag ins Gesicht. Anstatt den damals in der Rechtfertigung bei der Richtlinienerstellung angegebenen einigen Zehntausend Euro an Kosten für die Sprengstoffbranche sind bis heute in Europa viele Millionen Euro in Hard- und Software sowie Schulungen investiert worden. Auch dauerhaft schlagen hohe weiterlaufende Kosten zu Buche. Doch die Probleme gingen und gehen darüber hinaus. Rückblickend auf die letzten Jahre lassen sich die im Kasten dargelegten Erfahrungen bilanzieren. Vorher-nachher-Vergleich in Deutschland Beim Vergleich zum vorher in Deutschland bestehenden Kennzeichnungssystem mit Nummernvergabe ist festzustellen, dass im alten System eine Foto: SSE Deutschland Internet GESTEINS Perspektiven 2 | 2020

GEWINNUNG 53 Recherche nach Patronennummern zeitaufwendig war. Die Erreichbarkeit der Auskunft gebenden Personen war nur während der normalen Geschäftszeiten gegeben und die Suche erfolgte teilweise in handgeschriebenen Lagerbüchern. Bei den meisten Herstellern und Händlern, die in der Regel die entscheidenden Stellen bei einer Rückverfolgung darstellen, waren allerdings auch schon elektronische Systeme im Einsatz. Es gab in der Hersteller- und Anwenderindustrie in den letzten Jahren allerdings auch nur sehr vereinzelt Anfragen auf Nachverfolgungen. Zünder waren individuell nicht im Kennzeichnungssystem erfasst, sondern nur nach Typ und Anzahl in den Lagerbüchern bzw. elektronischen Registern aufgeführt. Die Kosten für eine direkte Bedruckung von Artikeln bzw. von Etiketten waren deutlich niedriger und es wurden auch keine Lesegeräte (Scanner) benötigt. Die Rückverfolgung in der Praxis Nach einer aktuellen Umfrage bei deutschen Herstellern und Händlern ist bis jetzt noch kein einziger Fall bekannt geworden, in dem von Behördenseite eine Artikelkennzeichnung abgefragt wurde. Auch gab es in der Vergangenheit nur sehr wenige Versuche von Außenstehenden, in Explosivstofflager einzubrechen und Explosivstoffe zu entwenden. Falls entwendete Artikel (Patronen oder Zünder) wieder auftauchen, wäre eine Zuordnung zu einem Diebstahl aufgrund der Explosivstofftypen, Patronendurchmesser und -nummern, Drahtlänge bei Zündern u.Ä.m., mit großer Wahrscheinlichkeit auch ohne ein derart aufwendiges Kennzeichnungs- und Nachverfolgungssystem, wie heute eingesetzt, möglich gewesen. Im Fall einer Unterschlagung von Explosivstoffen durch Sprengberechtigte wäre die Möglichkeit einer erfolgreichen Rückverfolgung eher unwahrscheinlich. Es dürfte allgemein bekannt sein, dass die Kennzeichnung entfernt werden muss, um eine Rückverfolgbarkeit schlicht unmöglich zu machen. Dieser grundsätzliche Kritikpunkt existiert bereits seit der Einführung der Kennzeichnungs-Richtlinie im Jahr 2008. Ein Blick in die Zukunft Im Jahr 2019 wurden seitens der Europäischen Kommission beim europäischen Herstellerverband FEEM Anfragen gestartet bezüglich der Möglichkeit, auch kleinere Artikel wie Zünder und Sprengschnüre aufgrund ggf. eingetretener Verbesserungen von technischen Geräten zukünftig direkt zu kennzeichnen. Dies wurde seitens der FEEM aber aufgrund des aktuellen Standes der Technik negativ beschieden, sodass auch die bestehenden Ausnahmen für die Kennzeichnung kleinster Artikel (Bedruckung auf angebrachtem Etikett) weiter notwendig sind. Aktuell werden von Scanner-Herstellern jene Scanner, mit denen die Branchenfachleute vor rund sieben bis acht Jahren gestartet sind, schon wieder vom Markt genommen und die darauf laufende Oberflächen-Software nicht mehr eingesetzt. Das führt absehbar zwingend zu Ersatzinvestitionen und treibt die Kosten für Track and Trace weiter in die Höhe. Ein Beitrag von Rolf Landmann, Geschäftsführer der SSE Deutschland GmbH www.sse-deutschland.de Bilanz Umfängliche Verpflichtungen für alle Beteiligten Einführung des neuen Kennzeichnungssystems – allgemein Im ersten und teilweise auch noch im zweiten Jahr gab es massive Probleme bei der Einführung: • Die Menge der zu übermittelnden Daten bei Herstellern und Händlern wurde von den Softwareanbietern völlig unterschätzt. • Probleme mit der Datenübertragung wegen der schlechten Internetverfügbarkeit im ländlichen Raum (spezifisch deutsches Problem). • Schlechte Scanbarkeit von Zünderetiketten und von im Tintenstrahlverfahren direkt bedruckten Patronen. • Probleme mit der Kompatibilität der XML-Files. Auswirkungen für Endanwender • Zeitlicher Mehraufwand für das Scannen beim Verbrauch (insbesondere bei Entnahme aus einem Lager). • Sprengstoffe lassen sich relativ leicht scannen, sofern Etiketten von Versandverpackungen gescannt werden. • Etiketten von Zündern machen oft noch Probleme (Einrollen der Etiketten, verwischter Druck) was eine deutliche zeitliche Ausweitung des Scanvorgangs bedeutet. • Durch die zur Regel gewordene elektronische Führung des Lagerbuchs, die früher nur auf Grundlage einer Ausnahmegenehmigung möglich war, haben sich auch Vereinfachungen/Zeiteinsparungen bei der Lagerbuchführung ergeben. Ein handschriftliches Lagerbuch wird meist nur noch von kleineren Betrieben mit geringem Artikelverbrauch pro Jahr geführt. Kosten für Endanwender • Einmalige Anschaffung von Software, Scanner (meist mindestens zwei) und oft noch einem Notebook oder Rechner (ab 5000 Euro aufwärts). • Bei Anschaffung einer Onlineversion mit Datenspeicherung in der Cloud fallen weiterhin laufende jährliche Kosten für Software und Speichernutzung an. Kosten für Hersteller • Bisherige Bedruckungseinrichtungen für Patronen konnten normalerweise nicht mehr verwendet werden, da die Druckauflösung für den Datamatrixcode nicht ausreichend war (Problem der Lesbarkeit des Codes bei verwischtem Druck). • Für Zünder und Sprengschnur mussten Bedruckungssysteme neu angeschafft werden. • Für vorgedruckte Papieretiketten fallen wegen des aufzudruckenden Datamatrixcodes ebenfalls deutliche Mehrkosten an. • Die entstandenen Kosten sind bei den einzelnen Herstellern sehr unterschiedlich. 2 | 2020 GESTEINS Perspektiven

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