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GP 07/19

6 ZUR SACHE

6 ZUR SACHE GP AKTION Biodiversität und Rohstoffgewinnung Rohbodenflächen, karge Steilwände, diverse Halden und Aufschüttungen – mit Blick auf Flora und Fauna wirken Rohstoff-Gewinnungsstätten zunächst eher trostlos. Nur wenige Tiere und Pflanzen sind auf den ersten Blick erkennbar. Doch tatsächlich stellt sich die Situation völlig anders dar: Tagebaue und Steinbrüche sind wahre Naturparadiese. Aus Menschenhand entstehen hier im Zuge wirtschaftlicher Notwendigkeit verschiedenste Lebensräume und Biotoptypen, die sich ansonsten kaum noch in unserer Kulturlandschaft finden. Diese Lebensraumvielfalt lockt zahlreiche, zum Teil besonders geschützte Arten an, die genau diese besonderen Lebensräume aus ganz anderer Sicht sehen. Biologische Vielfalt ist neben den benötigten Rohstoffen nicht nur einfach ein weiteres Gut der Steine-Erden-Industrie – sie trägt sogar maßgeblich zur Erhaltung von Arten außerhalb der nationalen Schutzgebietskulisse bei, die diese Arten aufgrund ihrer Struktur (in der Regel Prozessschutz zum Ziel) nicht abdecken kann. So weisen betriebene und aufgelassene Gewinnungsstätten der Steine-Erden-Unternehmen hohe Artenzahlen mit einem großen Anteil gefährdeter Biotoptypen, Pflanzen- und Tierarten auf. Betreiber von Gewinnungsstätten sichern Lebensräume für viele Brutvögel in Fels- und Steilwänden oder auf Kies- und Schotterflächen (zum Beispiel für Uhu, Wanderfalke, Uferschwalbe, Bienenfresser und Flussregenpfeifer). Der Lebensraum-Komplex aus blütenreichen Ruderalflächen, (Klein-)Gewässern und weiteren Strukturelementen bietet nicht nur Lebensgrundlage für zahlreiche Insektenarten wie Wildbienen, Schmetterlinge und Libellen, sondern sorgt gerade auch damit für ausreichend Nahrung für die Insektenfresser. Allen voran gefährdete Amphibienarten wie Kammmolch, Wechselkröte oder Gelbbauchunke, aber auch Vogelarten der Offenlandschaft wie die Feldlerche, die zur Jagd in Gewinnungsstätten kommt. Auch Pflanzenarten mit besonderen Ansprüchen, zum Beispiel nährstoffarme Böden, wie Orchideen, Sonnentau und Moorbärlapp, sind hier zu finden. Kurz: Hier wird Lebensraum vor allem, aber nicht nur, für zahlreiche seltene Pionierarten und Lebensraumspezialisten geschaffen und erhalten. Es gilt generell: Lebensraumvielfalt = Artenvielfalt. Das gilt es gemeinschaftlich zu dokumentieren – machen Sie mit! AMPHIBIEN UND REPTILIEN wie Geburtshelferkröte, Zauneidechse, Gelbbauchunke, Kreuzkröte und Schlingnatter schätzen Lebensräume, die im Zuge der Gewinnung entstehen. GESTEINS Perspektiven 7 | 2019

ZUR SACHE 7 Biodiversitätsdatenbank der Steine-Erden-Industrie Foto: Fox/UVMB Wir wollen zeigen, was wir haben Mit Beginn des Jahres 2018 hat der Bundesverband Baustoffe – Steine und Erden (bbs) das Projekt „Die bundesweite Biodiversitätsdatenbank der Steine-Erden-Industrie“ gestartet. Ziel dieser Datenbank ist, den Beitrag der Steine-Erden-Industrie zum Erhalt und zur Förderung der biologischen Vielfalt langfristig zu erfassen, zu dokumentieren und auszuwerten. Mit belastbarem Zahlenmaterial soll es Unternehmen und Verbänden der Branche möglich werden, fundierte Aussagen zum Stand und zur Entwicklung der Biodiversität in Steine-Erden- Gewinnungsstätten treffen zu können. Inhaltliche Grundlage der bundesweiten Anwendung ist die Biodiversitätsdatenbank des Industrieverbandes Steine und Erden Baden-Württemberg (ISTE), die in einem Pilotprojekt vor einigen Jahren in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen der Steine-Erden-Industrie entwickelt wurde. Um eine solide Datenbasis zu schaffen, führt die Datenbank Biodiversitätsdaten aus der Vorhabenzulassung, der Betriebsphase sowie von renaturierten bzw. rekultivierten Abbauflächen zusammen. Es ist vorgesehen, dass Unternehmen, die sich an der Datenbank beteiligen, ihre Planungsbüros beauftragen, Ergebnisse aus Untersuchungen (z. B. artenschutzrechtliche Fachbeiträge aus Genehmigungsverfahren) in die Datenbank einzupflegen. Alternativ können Unternehmen die Daten selbst einpflegen. Dies gilt auch für Monitoring-Daten, die sie selbst erheben. Die Beteiligung an der Datenbank ist für Unternehmen freiwillig. Dennoch ist eine Vielzahl an Daten notwendig, um fundierte Aussagen über die Biodiversität in den heimischen Gewinnungsstätten treffen zu können. Die Verbände der Initiative sind daher für den Erfolg des Projektes auf die engagierte Mitarbeit der Unternehmen und ihrer Dienstleister angewiesen. Die Daten werden seitens der Verbände ausschließlich für interne Auswertungen verwendet und die Veröffentlichung von Daten findet nur in zusammengefasster Form statt. Datenbank bietet viele Vorteile Die Erfahrungen in der Interessenvertretung auf Landes- und Bundesebene haben gezeigt, dass die biologische Vielfalt in Gewinnungsstätten ein wichtiges Argument zur Schaffung flexibler und nachhaltiger Strategien (Naturschutzgesetze des Bundes und der Länder, Natur auf Zeit, Kompensationsregelungen, Öko-Konten etc.) im Zusammenhang mit der zukünftigen Rohstoffgewinnung ist. Zudem wird eine Diskussionsgrundlage für Kooperationen mit Politik, (Naturschutz-)Verwaltung und Umweltverbänden geschaffen. Gleichzeitig stehen den Unternehmen ihre eigenen Daten bspw. im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit oder zur Kooperation mit regionalen (Naturschutz-)Akteuren digital zur Verfügung. In Zulassungsverfahren können Biodiversitätsdaten der Vereinfachung und Verfahrensbeschleunigung dienen und unter anderem als Datengrundlage für zukünftige artenschutzrechtliche Fachbeiträge und Eingriffs-Ausgleichs- Bilanzierungen herangezogen werden. FRIEDLICHE KOEXISTENZ: Aktiver Kieswerksbetrieb und Möwen – darunter eine besonders seltene Art – kommen prächtig miteinander klar. 7 | 2019 GESTEINS Perspektiven